Montag, 19. Juli 2010

Verkehrte Welt: Süßes am Abend

Ich stehe mal wieder unter Zeitdruck.
Und das heißt für heute abend: kein warmes Essen, sondern schnelle Schnittchen, in diesem Fall Pumpernickel mit Frischkäse und Erdbeerkonfitüre.



Das Bild weckt in mir Erinnerung. Zuerst an ein Lesebuch aus Grundschulzeiten, dann an den Blog-Event Kulinarisches aus Literatur und Film, der ja inzwischen abgelaufen ist.
Da ich mich nur noch an Textfetzen erinnere, wäre der Beitrag wohl eh nicht passend gewesen. Da ich aber ein wenig recherchiert habe, möchte ich trotzdem einiges zum Hintergrund erzählen.

In besagtem Lesebuch wurden in einer Geschichte die Lebensbedingungen in einem KZ thematisiert. Über eine Weihnachtsfeier (?) heißt es dabei sinngemäß, daß die Kinder (altes) Brot bekamen, bei dem im guten Fall eine Ecke mit Butter und im sehr guten Fall sogar mit etwas Marmelade bestrichen war. Weiterhin heißt es, daß einige Kinder diese bestrichenen Brotkanten für ihre Mütter oder Lagermütter aufhebten.

Sucht man nach dem Wort Lagermutter, so kommen (via Google) vor allem Berichte aus dem und über das KZ Ravensbrück zum Vorschein:
[1] Das Ravensbrückprojekt - Gedenkbiografien
[2] Dissertation von Silke Schäfer "Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager
[3] Rosa Jochmann zum 100. Geburtstag
Die Kinder, vor allem die jüngsten, waren diejenigen, die hier überhaupt keine Überlebenschance mehr hatten, wenn sie nicht eine Frau – eine sogenannte Lagermutter - fanden, die
sich ihrer annahm. Denn die Lagerkommandantur trennte die Kleinen häufig von ihren Müttern, indem sie die Mütter auf Transport, in ein Außenkommando oder zur Vergasung schickten. So musste die SS die Kinder nicht vergasen, sondern sie starben meist schnell eines "natürlichen" Todes. Viele dieser Kinder kannten nur die Wirklichkeit des Konzentrationslagers, sie wussten nicht, was ein Zimmer, ein Haus mit Garten oder Ähnliches war.
(aus [2], S. 122)
Viele der Kinder hatten nur dann eine Überlebenschance, wenn sich eine oder mehrere Frauen ihrer annahmen und sich als "Lagermütter" um sie kümmerten. Heimlich bastelten die Frauen Spielzeug: Puppen aus altem Brot u.Ä. für die Kinder.
Viele der überlebenden Frauen berichteten von der Weihnachtsfeier 1944 als einer der größten
Solidaritätsaktionen im Lager. Mit Erlaubnis des Lagerkommandanten Suhren durfte 1944 für etwa 400 Kinder eine Weihnachtsfeier abgehalten werden; dabei halfen Frauen aller Häftlingsgruppen mit.
(ebenda, S. 62)
Viele überlebende Frauen berichten über diese Weihnachtsfeier. Wie diese Weihnachtsfeier genau aussah, wird von den überlebenden Frauen unterschiedlich geschildert. Am bewegtesten ist die Beschreibung von Charlotte Müller. Sie beschreibt die Weihnachtsfeier wie folgt: Am Nachmittag des 23. Dezember war der Block 22 für die Kinder hergerichtet worden. Die Frauen hatten von ihrem kargen Essen Rationen für die Kinder aufgespart. Ein Puppentheater war aufgebaut worden. Der Lagerführer Bräuning hielt eine kurze Ansprache und ermahnte die Kinder, gute Deutsche zu werden. Er versprach ihnen, dass sie dann nächstes Weihnachten zu Hause verbringen könnten.
Als die Kinder bei den Weihnachtsliedern, die gesungen wurden, anfingen zu weinen, verließen die SS-Aufseherinnen die Feier. Danach erst konnte den Kindern heimlich angefertigtes Spielzeug geschenkt werden. Diese Feier stellte eine der größten Solidaritätsaktionen im Lager
dar. Die Kinder durften kein Spielzeug besitzen, und mussten die von Häftlingsfrauen für sie heimlich angefertigten Spielsachen sofort verstecken, wenn eine Aufseherin den Block betrat.
(ebenda, S. 123)
Die Liduschka war damals, glaub ich, zwölf Jahre alt, die Walla elf und die Nina
vierzehn, das waren die Lieblinge von allen. Wenn sie von der Arbeit gekommen sind, sind sie immer rauf auf mein Bett und haben gesagt, Rosa, jetzt sind wir daheim. Wir haben ihnen eine Heimat gegeben, jeden Geburtstag haben wir gefeiert.
(aus [3], S. 10)

Ich lasse das alles jetzt mal unkommentiert so stehen, denn mir fehlen die passenden Worte.
Ich freue mich daher nur, jetzt ein Glas Milch hinterher trinken zu können. Das gehört bei mir bei süßen Sachen dazu.

4 Kommentare:

  1. Zu solchen Erinnerungen kann man auch nichts kommentieren ausser, dass man nicht vergessen darf und du das sehr schoen machst. Mich wuerde auch sehr der Titel deines Grundschulbuches interessieren.?.

    AntwortenLöschen
  2. Das habe ich nicht mehr. Wenn der Eintrag wirklich fürs Event gewesen wäre, wäre das wichtig, ja. Ich bin allerdings in Dresden aufgewachsen, da ist es dann vielleicht doch nicht ganz so interessant? ;)

    AntwortenLöschen
  3. zum Frühstück gabe es Bohnenkaffee, Tee, Schokolade, Fruchtsaft, Butter, frischgebackene Brötchen, Weissbrot, Marmelade, Honig, Wurst, Schinken und Eier. Zum Mittagessen: Vorspeisen, bei besonderen Anlässen Hummer und Kaviar, dann Suppe, Fisch, Braten oder italienisches Obst und zum Schluss Kaffee und Liköre...
    Tagebucheintrag vom März 1943 eines deutschen Offiziers, der im Sonderzug von Hermann Göring unterwegs war. Aus Das Echolot von W. Kempowski.

    AntwortenLöschen
  4. Ja, Robert, diese Seite gab's auch. :(

    AntwortenLöschen