Montag, 18. März 2013

Wie Küchentradition ausstirbt

Vor noch gar nicht so langer Zeit wurden im Elternhaus zwei 60. Geburtstage gefeiert. Anläßlich des zweiten Geburtstages kehrten die Jubilare und eine Verwandte mit mir in einem Gasthof ein. Während wir also saßen und auf unser Essen warteten, wurde über diverse Küchenerlebnisse der vergangenen Wochen gesprochen. Die Geschichte der selbstgemachten Weihnachtsnudeln und die Geschichte um den (hier im Blog nicht erwähnten) Versuch, Schweinefüße zu kochen, waren dabei sozusagen die Stars des Abends.

Der Versuch einer Kurzfassung:
1. Der Cousin und die Freundin reisten drei oder vier Tage vor dem Fest an, mit den Zutaten für die Nudeln im Gepäck. Am nächsten Tag wurde Teig geknetet, der Tisch ausgezogen, um darauf ausrollen zu können (mit Maschine), dann wurde geschnitten und dann alle möglichen Ablageflächen benutzt, um darauf (und auf Pergamentpapier) die Nudeln trocknen zu lassen. Irgendwann mitten in der Nacht wurde ein Teil der Nudeln zusammengeräumt, denn das Jungvolk mußte natürlich auch irgendwo schlafen. Meine Tante fühlte sich spontan an erste Handarbeitsversuche des Cousins zu Grundschulzeiten erinnert (er wollte etwas nähen, hatte aber offenbar keinen Schimmer, wie er es anstellen sollte, so daß er nach jedem Schritt nachfragen mußte).
2. Die Schweinefüße waren ein Spontankauf. Tegut hat ja manchmal welche, im Viererpack. Und das Thema lag damals irgendwie in der Luft. Also hab ich welche gekauft. Und dann gemerkt, daß mein größter Topf nicht groß genug ist für die Länge. So sind die immer noch verschweißten Füße mit ins Elternhaus gereist, wurden dort mit etwas Heimlichtuerei meinerseits im größten Kochtopf versenkt (zusammen mit Wasser natürlich, so daß sie gerade bedeckt waren, und frisch geschnittenem Suppengemüse). Immerhin haben meine Eltern tatsächlich einen Topf, der diese Mengen faßt ... Die Füßlein kochten ca. 2 Stunden, dann waren sie gar - jedenfalls löste sich das Fleisch vom Knochen. Wenn wir sie in dem Zustand abgeknabbert hätten, wäre es lecker gewesen. Aber es war ja schon später Abend. Und so schüttete ich die Brühe nur weg und tat die Füße in einer Auflaufform in den Kühlschrank. Am nächsten Tag, kalt, schmeckten sie natürlich nicht mehr so richtig. Und als wir dann im besagten Gasthaus saßen, verkündete meine Mutter dann mit voller Überzeugung, daß man doch wisse, daß man die Brühe nicht wegkippt, sondern zum Geleekochen nimmt. Woher sie das wisse, fragte ich daraufhin, leicht gereizt. Ja, das stünde doch in Büchern und so. Vielleicht hatte sie es auch im Hausarbeitsunterricht gelernt, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls hatte ich im Vorfeld einige Schweinsfußrezepte studiert und mir dann die mir am leichtesten erscheinende Zubereitungsart herausgesucht - mir ging es ja um die Zutat, nicht um irgendein Ergebnis, das möglicherweise eh nicht geschätzt wird.

Jedenfalls war das dann - auch mit dem Rückblick auf das vergangene Weihnachtsfest - irgendwie augenöffnend und beschäftigt mich auch jetzt noch. Einen Teil meiner Gedanken hatte ich in einen Vortrag bei den Toastmasters gegossen, ohne dort eine Diskussion zum Thema Küchentraditionen anstoßen zu können - vielleicht hätte ich gleich darüber hier bloggen sollen.

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, fallen mir viele Feste ein, die in kleinerer oder größerer Runde verbracht wurden. Mein Großvater mütterlicherseits war ein sehr geselliger Mensch, sobald Freunde auftauchten, wurde groß aufgekocht (teils von ihm selbst, teils von der zweiten Ehefrau). An warmen Sonntagen kamen die Töchter mit ihren Familien und wir saßen alle auf der Terrasse und aßen Kuchen oder Eis (es war damals ja die Zeit der Eisbomben) - oder man versammelte sich im Garten des 6-Parteien-Mietshauses, das wir zu der Zeit noch mitbewohnten, und Kaffee und Kuchen wurden dort serviert. Ähnlich verhielt es sich bei Besuchen bei der Oma väterlicherseits, auch hier standen immer Kuchen und leckeres Essen auf dem Tisch. Die Weihnachtstradition umfaßte damals einen Besuch bei selbiger Oma, inkl. großem Gänseessen: für 3 Erwachsene und 2 Kinder eine ganze Gans, gefüllt mit Beifußstangen und Äpfeln, dazu Klöße, Rotkohl und Grünkohl (weil meine Eltern und dann auch wir Kinder unterschiedliche Vorlieben hatten), als Nachtisch Obstsalat, zum Kaffeetrinken 2-3 Stunden später Stollen (auch von der Oma selbstgebacken). Im elterlichen Haushalt wurde (vermutlich) etwas einfacher gekocht, in Erinnerung kommen mir Eierkuchentorten (Eierkuchen geschichtet und wie eine Torte aufgeschnitten, mit Apfelmus gegessen), Waffeln, frisch vom Waffeleisen (das ins Öl getaucht wurde, bis der Teig sich von ihm löste), aber auch ein Besuch von zwei Koreanern (oh, wie hab ich mich damals auf den Reis, den es bei uns sonst eher nicht gab, gefreut).

Was mir heute in der Erinnerung fehlt: Momente, in denen ich in der Küche geholfen hätte, in denen irgendeins von uns Kindern in der Küche geholfen hätte. Ohja, wir sind während der Zubereitungszeiten teilweise in den Küchen herumgeschwirrt, manchmal mußten wir ja auch Geschirr ins andere Zimmer tragen. Klar, wir durften Schüsseln und Töpfe auslecken und Kuchenränder kosten. Bei der Zubereitung geholfen haben wir jedoch nie, diese Aufgaben lagen bei den Erwachsenen.

1990 ergab es sich, daß ich mittags nicht mehr in der Schule aß, in der Zeit habe ich dann angefangen, mittags selbst zu kochen (wobei Kochen hier vielleicht der falsche Begriff ist, ich habe via "try and error" gelernt, wie man frisch aus dem TK geholte Fischstäbchen nicht verbrennt, und aus den Resten von Vortagen seltsame Reispfannen produziert). Ich erinnere mich, daß eine Klassenkameradin erzählte, sie habe mit 9 oder 10 gelernt, wie man Spaghetti kocht. Ich war eine Zeitlang darauf sehr neidisch - wie ich das behoben habe, weiß ich nicht mehr.

In dem Alter fing ich dann an, Rezepte zu sammeln, es blieb aber größtenteils bei der Träumerei, denn Mithelfen beim Kochen war immer noch nicht drin. Vielleicht haben wir auch nicht offensiv genug gefragt. Rückblickend denke ich: Im Grunde gab es ja keine Notwendigkeit, uns einzubeziehen, schließlich konnten die Erwachsenen doch gut kochen.
Mit dem Umzug nach Hessen nahm die Besuchsfrequenz zwangsläufig ab, aber (zunächst) nicht die Qualität des von den Großeltern aufgetischten Essens. Meine ganztägig arbeitenden Eltern entdeckten jetzt allerdings Gemüsedosen und Tiefkühlprodukte, eine Zeitlang haben meine Schwester und ich unser Mittagessen auch mit Aufgußmahlzeiten bestritten. Es wurde nicht mehr so gekocht wie in Dresden, aber es war auch okay. Nur wurde meines Erachtens jenes Altersfenster, in dem wir grundlegende Küchenhandgriffe hätten lernen können, weiter völlig ignoriert.

Gegen Ende der 1990er-Jahre zog im Elternhaus die Trennkost ein. Alte bekannte Gerichte kamen auf die Abschußliste, ohne daß meine Schwester oder ich ihre Zubereitung gelernt hätten. Im Prinzip war das der Anfang vom Ende der alten Küchentradition. Wenige Jahre später starb mein Opa, das Haus mit dem legendären Garten wurde verkauft, der Kontakt zur zweiten Ehefrau brach ab, weil sie bei den Töchtern in Ungnade fiel. Parallel meldeten sich bei meiner Oma die ersten altersbedingten Krankheiten - ihre Finger wurden weniger beweglich, sie selbst weniger kräftig. Die Weihnachtstafelei bei ihr wurde getauscht gegen Restaurantbesuche, ein- oder zweimal hat mein Vater sich an einer Gans versucht und auch am Stollen. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie lange das her ist - zehn Jahre vielleicht? Ein- oder zweimal saß man am 1. Weihnachtsfeiertag bei der Schwester meines Vaters. Inzwischen wünscht diese keine gemeinsamen Weihnachtsessen mehr. Meine Schwester war zu dem Zeitpunkt auch schon ausgezogen, nahm nicht mehr an den Weihnachtsfeiern in Dresden (die seitdem im Haus meiner Tante stattfinden) teil. In der Familie meines Onkels wird immer noch die Tradition hochgehalten, daß man am 1. Weihnachtsfeiertag zum Gänseessen zusammenkommt. Da diese Leute mit uns nicht verwandt sind, gehören ich und meine Eltern nicht dazu. Aus Rücksicht auf diese Tafelei gibt es am 24. nur leichtes Essen - früher Würstchen mit Kartoffelsalat, inzwischen kaltes Essen, eine gehobene Version von "Schnitte auf Brot". Zwischen all diesen Stühlen sitzend hatten meine Eltern und ich uns zumindest für den 1. Weihnachtsfeiertag bisher irgendwie einen Platz im Restaurant organisieren und dort zumindest eine Gänsekeule essen können. Letztes Jahr sind wir auch daran gescheitert.

Das wäre alles nicht so schlimm, wenn ich das in eigenen vier Wänden ausleben könnte. Kann ich ja aber auch nicht. Und die Mitesser fehlen nach wie vor. Ich habe Anfang des letzten Jahres ja einige Male fremdgekocht. Offenbar nicht zur Begeisterung des Hausherrn, sonst hätten wir das ja nicht auslaufen lassen. Im elterlichen Haushalt muß ich mich mit den dortigen Eßgewohnheiten arrangieren. Jeder Kuchen, jedes Brot wurde kritisch beäugt, wie ich denn auf die Idee käme, das essen zu wollen oder zu müssen, Kohlenhydrate sind doch böse! Inzwischen beherrschen sie sich da etwas, trotzdem ist mir die Lust vergangen.

Vor zwei Wochen war ich dann mal in Basel. Bei der Schwester. Zeitgleich mit meiner Mutter. Ich weiß nicht, ob ihr die Ideen, mir Kohlenhydrate austreiben zu wollen, ausgingen. Jedenfalls wurde ich ernsthaft gefragt, ob ich denn wirklich Honig in den Tee haben müsse, jeden Tag wieder. Ihr wäre es lieber, ich tränke den Tee ohne! Am letzten Vormittag brachte ich das Gespräch dann auf unsere unterschiedlichen Kochgewohnheiten. Man muß dazu sagen: meine Schwester kocht nicht, das ist des Gatten Metier, da will er niemanden um sich haben. Das mit der Privatsphäre geht so weit, daß er sich, so wurde mir berichtet, möglichst wenig in der Wohnung aufhält, wenn meine Mutter da ist. Man kann das ihrem zunehmend subtil-herrischen Wesen zuschreiben - oder der Tatsache, daß sie, bevor sie kommt, vorkocht. (Zum Zeitpunkt meines Besuches war er bedingt durch eine Seminarveranstaltung in einer anderen Stadt.) Im Prinzip hat also meine "allwissende" Mutter während ihres Aufenthalts dort die Küchenregie. Als ich sie dann darauf ansprach, daß meine Generation vieles in der Küche gar nicht gelernt hat, meinte sie nur: "Ja, ihr wollt das, glaube ich auch gar nicht so machen, ihr kocht eben anders." Wir hätten das übrigens nicht in der Breite diskutiert, wenn ich nicht eigene Ideen für das Essen bei meiner Schwester gehabt hätte, die auf einem Sonntagsspaziergang im Vorfeld nacheinander verworfen wurden.

Und ich bin dann jedes Mal völlig paralysiert, wenn ich, wie neulich bei Eline, von den Feinheiten des Fleischkaufes lese und in Gedanken die Umsetzbarkeit diskutiere. Mein TK-Fach hat zwei Sterne, ist also strenggenommen kein TK-Fach. Der Kühlschrank zu klein bzw. von meinen sonstigen Vorräten zu voll, um vorgekochtes aufzubewahren. Vorkochen hab ich im Studium nicht gelernt, einen (kleinen oder größeren) Topf oder eine ebensolche Pfanne gleich leerzuessen vermeidet langfristigeren Streß. Einkaufen allein ist für mich ja leider auch schon Streß. Da haben dann natürlich Schmorgerichte keinen Platz. Zumal ich mich eh nicht mehr wirklich an den Geschmack der in der Kinderzeit gekochten Nierchen erinnern kann - an anderen Fleischgerichten aus dieser Zeit fallen mir nur noch Brathähnchen und Rouladen und gefüllte Paprikaschoten ein. Hähnchenflügel im Ofen zu braten, bekomme ich inzwischen hin, für den Rest habe ich zumindest theoretisch Rezepte. *seufz*

Ich habe im Januar mal auf einem Kinderkochkurs mitgeholfen. Ca. 20 Kinder zwischen 5 und 10, die bei verschiedenen Arbeitsschritten mithelfen sollten/durften. Die Portionen für die Jüngeren von ihnen zu groß, sodaß viel Essen im Abfall landete. Ich hatte wenig Begegnung mit den einzelnen Kindern und weiß daher nicht, wie es bei ihnen daheim läuft. Aber im Grunde genommen tun sie mir leid. Da kommen also Kinder in einem Alter, in dem man eher noch nichts oder wenig in der Küche macht, in so einen Kurs und übernehmen Teilschritte bei der Zubereitung von Gerichten, die nur eingeschränkt alltagstauglich sind und selbst manchen Erwachsenen etwas abverlangen. Oder wegen diesem und jenem nicht gegessen werden. Ein Highlight für den Moment. Aber letztlich das Gegenteil von aktiver Teilnahme an der Essenszubereitung, wenn die Kinder sonst nicht einbezogen werden.

3 Kommentare:

  1. Hesting,
    du hast das sehr anschaulich beschrieben, wie das gemeinsame Kochen, Essen und Geniessen schoen langsam aufhoert. Danke!

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  2. Das ist ein toller Post, macht nachdenklich.
    Liebe Grüsse
    Elisabeth

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  3. Da ich den Artikel ja gerade wieder verlinkt habe, möchte ich ergänzen: es ist sicher auch meiner Persönlichkeit geschuldet, daß ich diese Entwicklung als jemand, der theoretisch besser kochen kann als praktisch, genommen habe.

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