Donnerstag, 17. Januar 2013

Die Kapitulation

Eigentlich denke ich ja immer noch, gesellschaftliche Dinge und persönliche Sorgen gehören (eher) nicht in einen Blog, der über's Essen, über Lebensmittel, Genuß etc. schreibt. Dabei bin ich selbst immer wieder davon abgewichen und habe - für mein Gefühl ziemlich oft - meinen eigenen Nöten und Sorgen und kraftlosen Momenten Raum gegeben. Hat eigentlich jemand mitgezählt, wie oft ich gepostet habe, es ginge hier nicht mehr weiter?

Nun haben in den letzten Tagen sowohl Arthurs Tochter als auch Shermin über etwas aus dem Bereich "persönliches Mißempfinden" gepostet, was mich zu längeren, möglicherweise nicht angemessenen Kommentaren bewegt hat. Ich weiß nicht, ob diese Kommentare unter den eigentlichen Beiträgen, die hier und hier nachgelesen werden können, überhaupt erscheinen werden oder sollten oder ... schließlich birgen beide Sprengstoff, und überhaupt: wer hat mich denn eigentlich nach meiner Meinung gefragt?

Ich hätte ja auch einfach meinen Mund halten können. So im übertragenen Sinne. Im "normalen Leben" (also den Kommunikationssituationen, bei denen keine Schrift ins Spiel kommt, "klappt" das ja auch).

Mitten in diesen Tagen feiern andere Blogs den 7. Jahrestag und/oder beginnen einen neuen Vergleich ihrer Fotoausrüstung.

"Fotoausrüstung? Welche Fotoausrüstung?" schießt mir spontan in den Kopf. Achso ja, es gibt da eine kleine silberne Canon Powershot, die - erneut ausgepackten Umzugskisten sei Dank - wieder aufgetaucht ist und seit September auch ein Smartphone (HTC One S), das natürlich auch Fotos machen kann. Im November hab ich dann auch rausgefunden, daß man die gemachten Fotos auch auf den Rechner übertragen kann, ohne sie auf Twitter zu posten (sic!).

Von Bildqualität muß ich hier nicht reden, die gibt es auf diesem Blog nicht, hat es nie gegeben. Hätte nicht so sein müssen, ist aber einem tieferliegenden Problem geschuldet: meiner ganz allgemeinen Arbeitsweise, die - leider - auch ganz oft eine schludrige ist oder zumindest äußerlich so wirkt.

Das ist eine Sache, die man ignorieren kann; ich bin aber eigentlich schon lange aus dem Alter, in dem man sich selbst findet, hinaus. Ich könnte oder sollte eher der nächsten Generation eine Stütze sein, rein altersmäßig, meine ich. Nun, die nächste Generation gibt's anderswo. Und manchmal denke ich, sie hätte mich besser nie kennengelernt. Wie soll ich denn jetzt noch verhindern, daß sie von meinen Schwächen erfährt, also den Dingen, die in meinem Leben schieflaufen oder schiefgelaufen sind?

Schaue ich auf die jetzt bald 3 Jahre zurück, die dieser Blog bereits besteht, fällt mir auf, daß ich im ersten Jahr am aktivsten war, danach ist er öfter stillgelegen. Teilweise zur Sprache gekommen ist dann, dass ich auch arbeiten ging. Die wiederholten Versuche, den Blog wieder zum Leben zu erwecken. Die innerlich mit zunehmendem Druck bohrende Frage, was ich damit noch will, was ich in der Blogger-Gemeinschaft will, ein Fragenkatalog, der sich anderen nicht täglich stellt, mir aber schon. Und dann war einfach immer öfter die Kraft für die Selbstpräsentation, die man in einem Blog betreibt, verbraucht. Wenn ich erschöpft bin, werde ich pessimistisch, vielleicht auch zickig, wie man es auch immer nennen mag ...

Lange Rede, kurzer Sinn. Ende Februar 2010 habe ich mein Studium abgeschlossen, mich zwei oder drei Monate später zu Ende März 2010 rückwirkend exmatrikuliert, bis Mitte März 2011 einen Job gesucht, dann einen Vertrag mit einer Zeitarbeitsfirma abgeschlossen, der Ende Januar 2012 auslief. Von Februar bis April 2012 war ich dann noch einmal am selben Arbeitsplatz tätig, aber unter anderen Bedingungen (befristete Anstellung in einem Beratungshaus). Anfang Mai 2012 habe ich eineinhalb Wochen in Stuttgart gearbeitet, danach wollte man mich lieber nicht mehr. Mitte Juli dann doch wieder eine Zusage, auch wieder ein Beratungshaus. Ab Anfang September. Eigentlich Außendienst, jedenfalls teilweise. Nach dem ersten Meeting mit einem Kunden, in dem ich mich ebenso wenig wachhalten kann wie in den ersten Tagen in Stuttgart, gibt's keine Außendiensttätigkeit mehr. Und mangels kurzfristiger medikamentöser Einstellbarkeit kapitulieren der Arbeitgeber und ich jetzt und beenden das Arbeitsverhältnis zum Ende der Probezeit. Weil Backoffice auch nicht vorgesehen ist.

Theoretisch hätte ich ab Mai wieder bloggen können, stattdessen hab ich mich bei Facebook angemeldet. Und noch im November viel Zeit reingesteckt, weil weder ein Mensch noch genug zu tun da war, um das zu verhindern. Ich hätte auch wieder in Ruhe einkaufen gehen und abends kochen können. Stattdessen habe ich mir selbst den Tagesablauf zerrissen, weil mich die Wohnung von der Arbeit ablenkte, obwohl es doch anders herum hätte sein müssen. Weil ich, wenn dann doch mal, mit viel größerer Angst als seit langem an einem Arbeitsplatz vor den Rechnern saß, als für sinnvolle Arbeit ertragbar gewesen wäre. Mir war aufgetragen worden, den Leerlauf zum Lernen zu nutzen, und ich konnte es nicht. Drüber geredet hab ich auch nicht, denn a) waren alle außer mir stark beschäftigt und b) denkt man ja doch: beiß die Zähne zusammen, es wird irgendwann besser.

Am Neujahrstag der Entschluß, die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Etwas kontraproduktiv wandern Umzugskisten wieder aus dem Keller nach oben, die zwar ausgepackt, deren Inhalt aber noch nicht ausgemistet ist. Meine Wohnung so vermüllt wie noch nie. Und dann die Nachricht, daß das Arbeitsverhältnis gekündigt würde. Daß ich mich meinen Schwächen stellen solle. Das wird alles noch so positiv wie möglich formuliert. Das seit Mitte November verschriebene Methylphenidat Hexal, das im Falle einer Aufmerksamkeitsstörung helfen könnte, ist gerade erst gegen Medikinet adult (selber Wirkstoff, andere Dosierung, Kapseln statt Tabletten) ausgetauscht worden. Wir versuchen es mit einem Streßtest: in eine Konferenz anderer Kollegen zu einem mir fremden Thema werde ich hineingesetzt, ohne wirklich mitreden zu dürfen oder zu können. Am ersten Tag verläßt mich meine Kondition genau sieben Stunden nach Einnahme des Medikaments. Am zweiten Tag nehme ich es später und werde doch früher schläfrig. Da ich ja nicht mitreden konnte, hatte ich mich einer anderen Aufgabe gewidmet, dem Lernen eben, weil ich in den Tagen zuvor dann doch mal gut reingekommen war. Mein Chef sitzt neben mir und ist so ins Thema vertieft, daß er es nicht mal mitbekommt, daß ich mal nicht "da" war. Dabei fehlte mir mehr als eine halbe Stunde, in der sich Wach- und Nicht-Wach-Phasen abgewechselt hatten.

Medizinisch ist jetzt wieder alles offen. Ich habe zwar eine Diagnose "Asperger-Syndrom" (seit Juni 2011, gestellt vom Uniklinikum Freiburg) und auch Merkmale, die auf ADS hindeuten. Schlafähnliche Zustände sind bei beidem nicht typisch, lassen sich so, wie sie bei mir auftreten, am ehesten noch als Epilepsie klassifizieren. Wer jetzt das Stichwort Narkolepsie in den Ring werfen möchte, dem sei gesagt: ich hatte im Juli 2011 eine stationäre Schlafüberwachung, Narkolepsie wurde daraufhin ausgeschlossen. Zu einer Epilepsiediagnose wäre es wohl auch nicht gekommen, wenn ich nicht am Tag nach der Schlafüberwachung bei einer EEG-Aufnahme am frühen Nachmittag (eine klassisch gefährliche Zeit) doch mal kurz abwesend und eine Veränderung der Gehirnströme sichtbar gewesen wäre. Das daraufhin verschriebene Antiepileptikum - ein Lamotrigin-Generikum, vom Wirkstoff her noch eins der "harmlosen" Medikamente - hat mir vor allem einen starken Hautausschlag beschert; daß ich die im Rahmen einer Übergabe unserer Arbeitsgebiete mehrmals wöchentlich stattfindenden Telefonate hätte ignorieren können, kann ich nicht sagen. Mehr oder weniger eigenmächtig habe ich das Medikament im Januar abgesetzt, nachdem ich es aus Vergeßlichkeit über die Weihnachtsfeiertage eh nicht in der vorgeschriebenen Dosis genommen hatte.

Zurück zum Zustand meiner Wohnung: ich habe in den letzten Tagen Uni-Unterlagen ausgemistet und auch Kochzeitschriften. Das heißt, die Rezepte habe ich noch, der Gedanke war auch mal da, diese ebenfalls wegzuwerfen. Nachdem ich ca. 3 Jahre lang Hefte von Effilee und Essen&Trinken gesammelt habe. Ein Schicksal, das auch diverse Jahrgänge zweier Amateurfunkzeitschriften teilen werden (von denen nur eine quasi kostenlos für mich ist/war *seufz*). Schon wieder so ein Aspekt von mir, bei dem man an meiner geistigen Reife zweifeln könnte. Ich bin mir nämlich gar nicht mehr sicher, ob das unter Zielstrebigkeit oder Leichtsinn fällt, diese Zeitschriften erworben zu haben, obwohl aktuell keine Verwendung da ist (okay, Effilee ist informativ, aber Rezepte, die ich nicht nachkoche, weil keiner zum Mitessen da ist und/oder das Equipment fehlt?!?). Und dann habe ich irgendwann in den letzten Tagen auch die Daseinsberechtigung des Blogs in Frage gestellt. Weil der Bedarf, mich mit anderen Kochbloggern zu vernetzen, nicht mehr da ist. Ich kenne die Adressen derjenigen Blogs, die mir wichtig sind. Mit dem Mitlesen hat es etwas nachgelassen, da war die Konkurrenz seitens Facebook zu groß. Ich bin allerdings rezeptemäßig auch gesättigt. Und welche Rolle ich dem Kochen in meinem Leben einräumen will, weiß ich immer noch nicht. Der Satz klingt jetzt sogar in meinen Ohren seltsam, da ich Kochen und Essen eigentlich nur für eingeschränkt planbar halte, aber ich habe offenbar auch ganz starke Probleme mit vielen exekutiven Aufgaben, die im Alltag anfallen. So ganz unbewußt war mir das nie, aber ich bin kurz davor, zu kapitulieren und der Aufforderung nachzugeben, mich weniger auf Dinge einzuschießen, die ich eigentlich nicht kann.

Wie ich unter den Umständen eine neue Arbeit, eine neue Wohnung und evtl. familiären Anschluß finden soll, ist mir ein Rätsel.

Es wird also - sofern der Blog nicht gänzlich von der Bildfläche verschwindet - hier weiterhin still bleiben.

Im Anschluß daran könnte ich dann ja eigentlich auch mein Facebook-Profil wieder löschen.

6 Kommentare:

  1. Nur kurz: Mein Blog ist vom reinen Blog zu Essen und Trinken zu einer Therapie und dann zu einer Mischung aus Berichten über Alltag und Essen geworden. Und ich kann gut mit leben. Mal "passieren" mehrere Einträge, dann wieder sind Tage dabei, an denen nichts geschieht. Wie eben im Leben auch. Ein Blog ist ja irgendwo auch ein Abbild des Betreibers und sollte authenisch sein.

    Gruß
    Holger

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  2. ...ich fände/finde es sehr schade, wenn du hier "still" bleibst. Doch das musst du für dich entscheiden, deinen Weg finden und ...ja, klar kommen.
    Danke für deinen privaten Einblick, ich bin nicht gut im Ratschlagen und Hilfestellung geben, deswegen wünsche ich dir viel Kraft und Mut, du weißt:
    Es gibt immer ein Happy End und war es nicht happy, so ist es noch nicht das Ende!

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  3. Beim Kommentieren auf Blogs muss man schrecklich aufpassen, dass man nicht missverstanden wird. Ich muss oft so lang überlegen, dass ich es dann sein lasse. Ratschläge kann ich natürlich nicht geben.Ich wünsche Dir einfach ganz viel Gutes und Glück und Freude und Besserung. Aber denk dran: wer gut kocht, ist immer einen Schritt voraus.

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  4. Ich wünsche Dir alles Gute und würde mich freuen, wenn Du Dich hier trotzdem ab und zu mal "zeigen" würdest. Halt' die Ohren steif und lass mal hören, wie's Dir geht! Ich hab hier immer gerne mitgelesen... (Bei Kommentaren bin ich zunehmend zögerlicher, weil einem entweder unterstellt wird, man wolle nur auf die eigene Seite verweisen, man missverstanden wird o. man sowieso nur Kommentar Nummer XYZ von vielen ist, die alle viel besser vernetzt und persönlich bekannt sind...)

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  5. Ach Duuuu .... ich bin nun wieder da im Internet, und mir war es ganz wichtig auch schnell zu Dir hierher zu kommen. Und nun das!
    Ich mag Deinen Post, er ist so offen und ehrlich. Und warum soll es nur ein Kochblog sein?
    Am liebsten würd ich Dir ganz schnell helfen mit den Umzugskisten ... aber ganz ehrlich: Hier stehen auch noch so viele rum, ich komm nicht ganz in die Gänge, würde am liebsten den Rest der Dinge einfach entsorgen!
    Ich versteh Dich, wünsch Dir viele Stunden die Dir guttun, einen Weg der Dich zu einer Arbeitsstelle führt, die Du mit Freude Tag für Tag machst ....
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  6. Hey du
    Näh die Hühnchen doch jetzt, einfach so, für dich. Ein kleines Glückshühnchen.
    Deine Geschichte berührt mich, du musst wirklich viel durchmachen. Ich wünsche dir viel Glück auf deinem Weg und hoffe es geht hier weiter. Dein Blog darf doch auch von anderem handeln als Essen (auch wenn das ein schönes Thema ist :))
    Alles Liebe

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