Bevor ich zum eigentlichen Thema dieses Eintrags komme, muß ich noch mal einen gedanklichen Schwenk zurück zu Uni Mail machen. Dort gibt es nämlich noch etwas, was ich so nicht erwartet hätte: Toilettenpoesie. Bereits am ersten Tag in diesem Gebäude bin ich zufällig ausgerechnet in die Zelle der Frauentoilette gegangen, die möglicherweise den besten Anschrieb von allen zu bieten hatte. Mangels besserer Französischkenntnisse kann ich den Inhalt nicht wortgetreu wiedergeben.
"Irgendwann würde ich gern mit einem Mädel Liebe machen."
"Hab ich schon gemacht und nicht bereut!"
"Das ist doch nicht Facebook hier. Außerdem macht es zu dritt mehr Spaß."
Ich mußte dann doch mehr oder weniger schallend lachen. Solche Sprüche! An der Genfer Universität! Im Gebäude des Fachbereiches für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften!
Aber irgendwie ist dieser Vorfall exemplarisch. Das meiste, was man in Deutschland so sieht, habe ich mehr oder weniger zufällig auch in Genf gesehen. Die Anzahl komplett verschleierter Frauen dürfte etwas höher gewesen sein, ansonsten gibt's dort alle Nationalitäten, die man in Deutschland auch hat, eine ähnlich hohe Dichte an Kebab-Buden und größeren türkischen Restaurants. Bettler gibt es auch, überraschend war der Anblick eines jungen (?) Mannes mit komplett tätowiertem Gesicht (und Wollmütze, sehr passend bei der Hitze ...), der sich neben den Ohrläppchen sogar die Haut zwischen Unterlippe und Kinn hatte aufdehnen lassen (der einzige rosa Fleck in seinem Gesicht). Irgendwann beim planlosen Spazierengehen durch die Stadt bin ich dann auch noch am Strich vorbeigekommen ... man könnte also behaupten, ich hätte alles wichtige gesehen. ;)
Aber das hier ist ein Kochblog und deshalb möchte ich endlich über's Essen reden.
"Geh bloß nicht ins Restaurant, das ist teuer!" war ich vorgewarnt worden. Einem gewissen Gruppenzwang folgend war ich dann doch zweimal essen. Zum einen bei einem kleinen feinen Italiener im Stadtteil Carouge (so klein und fein, daß ihn leider nicht mal Google Maps zu kennen scheint, jedenfalls scheitere ich ohne Adresse daran, ihn wiederzufinden). Die meisten von uns aßen Pizza - ich auch, obwohl ich skeptisch war, aber es war halt günstiger als Nudeln - und ich muß sagen, die Skepsis war unbegründet. Wer öfter in Italien ist oder war, weiß wovon die Rede ist; leider bin ich selbst durch das, was man in Deutschland als Pizza bekommt, verdorben. Und so war ich dann überrascht, als der (natürlich ungeschnittene) Teigfladen da war, wie bestellt mit einem Spiegelei drauf, das schön gestockt war, und sich als unglaublich lecker erwies. Teig lecker, Belag lecker, Kombination aus beidem: doppelt lecker - Herz, was willst Du mehr? Die obligatorische Wasserflatrate gab es hier auch und somit keinen Grund, Wein zu trinken. ;) Die meisten von uns haben Pizza gegessen, nur ein- oder zweimal waren Nudeln dabei, aber auch das war ein Highlight (auch zum Zugucken): die Spaghetti wurden auf einem Tisch mitten im Gastraum warmgehalten und frisch mit der aus der Küche kommenden Soße gemischt. Außerdem konnten die Nudelesser ihren Teller zweimal gefüllt bekommen. Mein bestes italienische Essen überhaupt, würde ich sagen; an die Urlaube in den nördlichen Gegenden Italiens vor meinem 20. Geburtstag erinnere ich mich nämlich kaum noch.
Restaurantbesuch Nr. 2 fand zwei Tage später statt: nachdem wir zu fünft kreuz und quer über den See geschippert waren (eben von der Stadtmitte aus von einer Haltestelle zur nächsten) und von der letzten Station (nahe Perle du Lac) aus am See entlang wieder in die Stadt zurückgelaufen waren, meldeten sich bei einigen die leeren Mägen und so wurde relativ dringend das nächste Restaurant aufgesucht. Wir kamen in eine Straße, die dementsprechend gut und abwechslungsreich bestückt war. Fast wären wir beim Inder eingefallen, wenn uns nicht die Preise abgehalten hätten. Wir sind dann wieder bei einem Italiener hängengeblieben, wieder wurde Pizza bestellt und von mir ein Nizza-Salat, der statt mit Bohnen mit Paprika kam, sonst aber nicht schlecht war (allerdings auch nicht so der Ausreißer ...)
Was gab es noch?
- am Freitagmittag im Schweizer Zug den Anblick von Kuchenviertelkreisen (kannte ich bisher nicht): das Ehepaar im gegenüberliegenden Teil verzehrte zusammen vier oder fünf davon, es könnte Kirschkuchen gewesen sein oder auch etwas herzhaftes
- am frühen Freitagnachmittag ein Käseküchlein als Willkommenssnack in Genf. Es war nicht groß, aber durchaus sehr gut sättigend
- am Freitagabend Nudeln mit Kräuterfrischkäse, Zucchini und Salat aus dem Garten von Familie Thullen (und zuvor noch eine Mini-Weinprobe, denn ein Nachbar kam vorbei)
- Couscous (Samstag) bzw. Nudeln (Sonntag) mit Salat und Nachspeise (die allerdings am Sonntag etwas knapp bemessen war) im Café Universal (Rue de Carouge, gegenüber der Haltestelle Pont d'Arve der Linie 12)
- Samstagabend bei der "Nacht der Wissenschaften" sog. Country Pommes, die tatsächlich Kartoffelwedges waren, mit Ketchup (der leider Bekanntschaft mit meiner Kleidung machte)
- Lachsspießchen und eine ansehnliche Salatauswahl in der Kantine von Merck Serono (Montagmittag), mit gut 10 CHF war das nicht mal teuer, aber man kommt ohne Zugangskarte oder Gästeausweis nicht rein, weil die Kantine mitten auf dem Firmengelände liegt und es sonst keine Zugangskontrollen gibt
- zwischendrin immer mal wieder mitgebrachtes Studentenfutter, Kekse (sollte ich einen der Kollegen vom Stand mal besuchen fahren, muß ich wohl Dinkeldoppelkekse mit Zartbitterschokolade mitbringen) und Äpfel; an den letzten 3 Tagen auch Reiswaffeln mit Geflügelaufschnitt (da steh ich leider drauf)
- Eis (es gibt in Genf auch italienische Eisläden, unbedingt einplanen!)
- den Anblick von Käsekuchen und Macarons bei McDonalds gegenüber vom Lausanner Bahnhof (viel hätte nicht gefehlt und ich hätte dort was gekauft!)
- als Reiseverpflegung am Freitag einen Trinkkakao (zu süß!) und ein Viertel Rhabarberkuchen, beides aus dem Supermarkt. In Karlsruhe kam dann noch ein Eibrötchen dazu.
Über die Gerichte im sog. Marx-Café im Uni Mail möchte ich hier nicht sprechen, so herausragend waren sie nicht, bis vielleicht auf die Spinatlasagne am Dienstag, zu der es eine Kräuter- und eine Tomatensoße gab. Die eigentliche Mensa hatte eine ähnlich hochwertige Salatbar wie die MS-Kantine, vielleicht sogar noch etwas umfangreicher, wenn es um Salatzutaten im engeren Sinne ging; außerdem gab es drei Wahlessen und man konnte auch noch Beilagen wählen (glaube ich). Ich habe nicht viele Studenten dort essen gesehen, aber von den jungen Leuten, die da waren, hatten manche auch zwei Gerichte. Ich glaub, in meinem nächsten Leben möchte ich dort auch mal studieren. *grins*
Überrascht hat mich die Auswahl an eingeschweißtem Fleisch im Supermarkt. Man bekommt dort tatsächlich eingeschweißte Steaks (und ein oder zwei andere Produkte) vom Pferd! Auch hier ist mir also wieder ein Fotomotiv entgangen. Bevor wer fragt: nein, ich find das nicht schlimm, daß es dort überhaupt Pferd zu kaufen gibt, aber die eingeschränkte Auswahl irritiert mich andererseits doch: was passiert mit dem großen Rest vom Tier?
Wunschdenken: gern hätte ich in diesen Tagen auch selbst mal bzw. mit anderen gekocht. In diesem Zusammenhang mag es seltsam erscheinen, daß ich mich nicht den am Montag- und Dienstagabend stattfindenden Barbecues angeschlossen habe. Ich war einfach zu knauserig. Und außerdem wollte ich die Stadt erkunden, anstatt herumzusitzen.
Bleibt mir zum Schluß nur noch eins: das absolute kulinarische Highlight: das Free Software Dinner am Mittwochabend im Parc des Bastions. Das Parkrestaurant war extra für uns reserviert worden und der Beitrag mit 30 CHF für den ganzen Abend (Getränke nicht einberechnet) ziemlich günstig. Ich habe mich trotzdem erst auf den letzten Drücker für die Teilnahme entschieden, weil ich immer noch gehofft hatte, es käme zu einem zweiten Treffen mit ehemaligen MS-Kollegen. Fast muß ich sagen: gut, daß ich nicht verhindert war, denn ich hätte etwas verpaßt. Das absolute Highlight des Abends war nämlich ein Raclette, das alles übertrifft, was ich sonst an Raclette schon gegessen habe. Leider habe ich nicht herausgefunden, was es für ein Käse war, der da in runden Halblaiben unter einer Grillschlange bewegt und, wenn er genügend geschmolzen war, abgeschabt wurde. Aber der Geschmack ist ziemlich unübertroffen gewesen. Als dann spät am Abend keine Kartoffeln mehr nachkamen, hat einer von den Organisatoren zwei der Käsereste (je ca. ein Viertel vom Laib) mitnehmen dürfen. Der Glückliche!
Zwei der drei Nachspeisen - Tiramisu und eine Art Quark auf Beerenmischung - wurden in kleinen quadratischen Plastikbechern serviert. An einem der Tische wurde damit begonnen, aus diesen Bechern eine Pyramide zu bauen. Daraus ist dann ein richtiges Gruppenevent geworden. Ich muß sagen, ich hab deshalb auch zwei oder drei Nachtische mehr gegessen als geplant sowie andere Gäste, die von der Aktion nichts wußten damit genervt, daß ich ihre leeren Becher eingesammelt habe (die Pyramide entstand auf einem der Außentische, man konnte aber auch drinnen sitzen). Letztlich hat dann sogar das Personal Becher herangeschafft anstatt sie wegzuschmeißen, und so wurde die Pyramide ziemlich schnell fast einen Meter hoch. Irgendwann dachte ich, jetzt sei mal Schluß, aber fünf Minuten später waren schon wieder neue Becher aufgestellt und eine neue Runde begonnen worden. Leider habe ich bisher kein Foto von dem Endergebnis oder einem der Zwischenergebnisse gesehen. Sowas hätte ich ja dann doch hier posten können, wenn der Besitzer einverstanden gewesen wäre.
Fortsetzung folgt!
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